Die Zünfter

Das Interview mit Zunftpfleger Nicolas von Grafenried

  • Was für eine Rolle haben die Zünfter heute im gesellschaftlichen Leben von Zürich im Vergleich zu der Rolle, die sie im Mittelalter hatten?

Die Geschichte des Zimmerleuten reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück, bis ins Jahr 1336, und endet im Jahr 1698. Ab diesem Zeitpunkt entwickelte sich ihre Geschichte eher in eine gesellschaftliche Richtung. Durch die neuen politischen Aufgaben trat man einer Art Verein bei, in dem die Freundschaft gepflegt wurde und in dem sich die Mitglieder der Zünfte in Zürich gut kannten, bzw. immer noch kennen. Es gibt 25 Zünfte sowie eine Gesellschaft, die Constaffel. Seitdem besteht eine enge Verbindung, die bis heute fortbesteht. Man pflegt die historische Geschichte, die in den vergangenen Jahrhunderten aufgebaut wurde. Dies zeigt sich auch hier: Das Haus der Zimmerleuten, das auch der „Rote Adler“ genannt wird, befindet sich im Besitz der Zunft. Die Aufgabe der Zünfter ist es, das Haus so gut wie möglich zu erhalten, damit es auch den nächsten Generationen erhalten bleibt.

  • Die Zünfter haben im Mittelalter eine wichtige Rolle in der Wirtschaft, in der Ausbildung und in der Verteidigung der Stadt gespielt. Welche dieser traditionellen Aufgaben ist bis heute erhalten geblieben?

Heute hat die Zunft keinen direkten politischen Einfluss auf die Stadt Zürich mehr, sondern dieser wird vom Stadtrat ausgeübt, der von der Politik geprägt ist. Der Stadtrat untersteht dem Regierungsrat. Die Zunft ist heute nur noch eine gesellschaftliche Vereinigung, die die Traditionen der Vergangenheit pflegt und gleichzeitig auch die Zukunft in diesem Kontext bewahren möchte.

  • Das Sechseläuten ist ein fester Bestandteil der Zürcher Tradition. Wie hat sich das Fest im Laufe der Zeit entwickelt und welche Bedeutung hat es für die Zünfter?

Früher auf dem Acker und heute auf dem wunderschönen Valserquarzitboden des Sechsläutenplatzes wird der „Bögg“ jedes Jahr verbrannt. In der Mitte des Sechsläutenplatzes befindet sich ein Kreis, in dem die Wappen der unterschiedlichen Zünfte eingegossen sind. Genau dort wird der Bögg jedes Jahr aufgestellt, und seine Aufgabe ist es, alle bösen Geister zu vertreiben. Um 18:00 Uhr wird er angezündet, und das Ziel ist es, den Winter zu vertreiben und den Sommer herbeizuführen.

  • Wie engagieren sich die Zünfter heutzutage ausserhalb der traditionellen Feste wie dem Sechseläuten?

In der Stadt selbst hat die Zunft eher weniger Einfluss und auf gar keinen Fall auf irgendwelche Ämter. Neben dem Sechseläuten gibt es auch eigene Veranstaltungen in den Zunfthäusern. Zum Beispiel findet im September ein Konzert statt, das einen Zusammenhang mit anderen Zünften hat. Auf dem Münsterhof gibt es teilweise Aktionen, bei denen Spätzli-Kanonen eingesetzt werden, um Geld für Institutionen zu sammeln.

  • Welche Bedeutung hat die Zunft zur Zimmerleuten, und wie unterscheidet sie sich in ihrer Geschichte und Tradition von den anderen Zürcher Zünften?

Die Zunft zur Zimmerleuten war eine von 12 historischen Zünften, die 1336 unter dem ersten Bürgermeister Rudolf Brun gegründet wurde. Im Laufe der Zeit entstanden auch sogenannte Quartierzünfte. Die Zunft Witikon ist die zuletzt gegründete Zunft und stammt ebenfalls aus Witikon. Die verschiedenen Zünfte sind alle unter einem Dach vereint. Heute wird unter den Zünftern oft scherzhaft diskutiert, wer zu den historischen Zünften gehört und wer nicht.

Beim Sechseläuten besuchen sich die Zünfter gegenseitig in den unterschiedlichen Zunfthäusern und feiern gemeinsam das Verbrennen des Böggs, und zwar oft bis tief in die Nacht.